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Lichthafen Geschichte: Lea Gerb • Schattenhain

Geschichte Lea Gerb
Nov
11

Lichthafen Geschichte: Lea Gerb

Es ward von Jetzt auf Gleich düster geworden.

Das himmelsblaue Firmament verzog sich binnen weniger Herzschläge zu einem schrecklichen,  graugrünen Schleier. Der Wind peitschte orkanartig durch die sonst so friedlebende Stadt Lichthafen, wirbelte die umliegenden Wassermassen der Insel unter stürmischen Böen auf und lies den sonst die Bäume Kitars ächzend wanken. Doch war das bloß der Anfang…

M-Machst du mal die F-Fenster zu? Es zieht.”, wehte eine zartbesaitete Stimme stotternd durch die Wohngemeinschaft am Ahornweg. Lea nickte stumm und eilte zum Fenster, wo die hölzernen Läden bereits vom Sturm geschaukelt wurden und gegen das Gemäuer klapperten, als wären sie bloß läpperliche Fähnchen im Wind. “Haye! Bin dab…”. Die Worte Lea’s blieben auf halber Strecke mit einem Glucksen im Rachen stecken, als Ihr Blick aus dem Fenster zum Himmel gelang und sie die teufelsgrüne, unheilverheißende Farbe am Firmament sah, jene die Dämmerung düster umschleiert.

M…. Mia”, schlotterte die Stimme der Rothaarigen kaum hörbar und angsterfüllt. Herzschläge, welche hörbar und förmlich greifbar waren, klopften rasendschnell in der Brust wie ein Dampfhammer. “Mia!”, wiederholte Lea etwas lauter und mit etwas mehr Kraft in der Stimme. “Hu?”, hörte man kurz, ehe das blonde Zeitungsmädel auch schon angelatscht kam. Dem aufgelösten Blick Lea’s folgend, spähte sie heraus; Felgrün. Und jeder Narr wusste, was die Farbe bedeutet, wusste, was jene Farbe verkündet. Während Mia sich rasch im Keller zu vergraben wusste, wagte Lea sich auf die Strasse.

Wie bei einer Sonnenfinsternis, standen bereits dutzende, gar hunderte, Bürger auf den Strassen und spähten zum Himmel. Doch statt Bewunderung, manifestierte sich Angst und Panik in den Gesichtern.

Für einen Moment schwieg alles. Ruhe. Die Zeit für den Moment beiseite geschoben.

Doch wurde die Stille gebrochen von einem Grollen laut wie tobender Donner, der alles gewaltvoll zu erschüttern wusste. Holzgebälk ächzte, marode Steine bröckelten vom Gemäuer alter Häuser und Bäume drohten zu brechen. Ein riesenhafter Spalt teilte das felgrüne Geflecht am Himmel, öffnete eine Pforte um den Weg für die Legion zu ebnen. Gewaltig wie eine schwebende Insel selbst, sponn sich nach und nach die Silhouette vom Legionsschiff aus dem magischen Felriss, bis es gänzlich zu sehen ward und die Stadt Lichthafen, gar die ganze Insel Kitar, in tiefe Schatten wog. Bereits wenige Stunden später, verfiel ein Großteil der Stadt in Panik. Der aufkeimende Wahnsinn in den Köpfen der Bürger, verleitete zu Plünderungen, andere schlossen sich im Keller ein, andere wieder appellierten an die mächtigen Arkanisten und tapferen Soldaten des Königreiches. Wie ein Meer schattenschwarzer Farbe, flutete das Dämmergrau Stück für Stück die Stadt, um sie in die Dunkelheit zu wiegen.

Eine paar Tage, in denen Panik vorherrschte, sah man das Luftschiff am Himmel, verblieb dort schwerelos, bis das vermeintliche Ende vom Himmel regnen solle…

…und das mit einem Schlag. Denn war irgendwann der Moment gekommen, wo felsengroße, felumschleierte Gesteinsbrocken vom Himmel hagelten, um alles was sie trafen mit zerstörerischer Gewalt zu bersten. Gebäude wurden binnen eines Herzschlages Schutt und Asche,  Strassen zersplitterten wie ein Scherbenregen, als die riesigen Felbrocken niederhagelten. Bürger durften ansehen, wie ihre Häuser unter der Gewalt der Steinsbrocken, in Sekundenschnelle dem Erboden gleich gemacht wurden, nur, um steinernde Dämonen zu sehen, welche sich aus diesen Brocken erhoben.

Eine schemenhafte, dunkle und vibrierende Stimme erhob sich in den Ohren aller; hasserfüllte, auf Eredun gesprochene Worte, die den Anfang vom vermeintlichen Ende prophezeiten.

Lea war allein daheim, nichts und niemand, der ihre Tränen und ihre Verzweiflung hätte sehen können. Die anderen Mitbewohner, selbst Mia, waren schon geflüchtet und nur Lea hatte bis zu jenem Tage auf die Streitkräfte Lichthafens vertraut. Doch dieser Hoffnungsschimmer zog spätestens jetzt vor dem geistigen Auge davon, wie ein ungreifbarer Gedanke. Ohne auch nur einen weiteren Moment der jetzt so kostbaren Zeit zu verlieren, schob sie sich aus den Sandalen, um die Füße in die Hand zu nehmen, verliess ihr Veresteck und eilte vom Keller hoch, heraus. Sie rannte über die von Panik übersäten Strassen der Stadt zum Hafen – So schnell es nur ging. Wie eine groteske Strecke aus Bildern, die an ihr vorbeizog, offenbarte sich dabei die morbide Zerstörungskraft der Legion: Häuser loderten im Flammenmeer, dutzende Soldaten wurden von bloß einem Hieb einer infernalischen, steinernden Höllenbestie zermatert. Immer wieder gerieten Lea’s Schritte ob der Erschütterungen aus dem Gleichgewicht. Immer wieder schloß sie blind die Augen, um all das Leid, das Blut, die Leichen, Freunde, die Dämonenbrut, zumindest für eine Sekunde nicht sehen zu müssen. Mit Tunnelblick  führte sie panisch Fuß um Fuß; Schritt um Schritt, mit einem stetigen Zittern, welches schon längst Herr ihres Körpers war.

Am Hafen angekommen, hörte man das Schreien und Einweisen der Soldaten auf die Schiffe. Keine Zeit für zaghafte Worte, kein Gedanke an Ruhe. Ein Stimmenmeer aus Entsetzung, bitterlichem Zetern und militärischer Strenge erhob sich aus dem sonst so friedlichen Hafen.

An trauernden Bürgern und neben blutbesudelten Soldaten vorbei, führte Lea ihre Schritte etwas langsamer auf die Planken des Schiffes. Stumm, ohne Worte, ohne Kraft, ohne Hoffnung und Mut, setzte sie sich mittellos neben dutzend anderer, verzweifelter Gesichter.

Niemand sprach auf Deck. Niemand hoffte und trostlose Augen schauten zu Boden. Zu schwer war das Bild, welches sich vom Hafen und Schiff auf die Stadt bot: Höllische Flammen, schwarzer Rauch, Asche, Blut, Schreie und immer mehr absurde, dämonische Gestalten traten aus den Schatten hervor, um alles andere herum im Klang des Krieges zu wiegen. Sie rief sich die Worte aus vergangenen Tage in’s Gedächnis, auch wenn sie jene selbst kaum glauben wollte: “Es gibt keine Probleme. Nur ungeahnte Möglichkeiten.”, sprach sie leise’ zu sich selbst und holte schwer Luft.

Dutzende Schiffe hissten die Segel. Und auf jedem der Segel prangerte noch immer voller stolz das Wappen Lichthafens.